Textilkunst

Zwei Jahre an Gewand für Messfeier gearbeitet

Von Monika Wiegelmann, 22.01.2011

Die Künstlerin Regine Skudelny hat zwei Jahre am Messgewand gearbeitet, das an den Widerstandskämpfer Nikolaus Groß erinnert.    

Nie erhalten hat der Märtyrer Nikolaus Groß den warmen Mantel, den ihm seine Familie in das kalte Verlies des Zuchthauses in Berlin-Tegel schicken sollte, den er aber nie bekam. „Für mich war das etwas, an dem man das Schreckliche seiner Situation fühlen konnte“, erklärt die Herscheider Textilgestalterin Regine Skudelny. „Ich hatte das Gefühl, ich muss ihm diesen warmen Mantel geben.“

Mit dem Leben des im Januar 1945 hingerichteten Widerstandskämpfers Nikolaus Groß hat sich Monsignore Manfred von Schwartzenberg, Pfarrer der St. Barbara Pfarrei in Mühlheim-Dümpten, und seine Gemeinde viele Jahre beschäftigt. Als Dank für das unermüdliche Engagement seiner Gemeinde auf dem Weg zur Seligsprechung wird er es ihr nun im 10. Jahr der Seligsprechung von Nikolaus Groß überreichen. Als Erster soll es am Gedenktag des Seligen, am Sonntag, 23. Januar, im Essener Dom der Hauptzelebrant, Altbischof Hubert Luthe – wenn seine Gesundheit es zulässt – oder Bischof Franz-Josef Overbeck tragen.

Als von Schwartzenberg im Frühjahr 2008 die Idee für ein solches Messgewand äußerte, „wusste ich noch nicht, wie ich das einordnen sollte“, erinnert sich Skudelny. Es sollte ein weißes Gewand sein, im Hinblick auf den Tod des Märtyrers. Als die ersten Entwürfe fertig waren, besprach sich Skudelny mit von Schwartzenberg. Er gab ganz klar seine Zustimmung, wünschte sich jedoch noch einen konkreteren Bezug zu dem Märtyrer, so Skudelny, und empfahl ihr diesbezüglich ein Gespräch mit Bischof Hubert Luthe.

Widerstandskämpfer

Der KAB-Gewerkschafter, Journalist und Widerstandskämpfer Nikolaus Groß, geboren am 30. September 1898, wurde am 23. Januar 1945 wegen seiner Kontakte zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Berlin-Plötzensee hingerichtet. 2001 wurde er von Papst Johannes Paul II. in St. Peter in Rom selig gesprochen – als Erster im Bistum Essen.

„Was ich mir wünschte, war eine Reliquie in das Gewand einzuarbeiten. Aber es gibt nichts.“ Sie hatte Glück und bekam Ziegelstückchen aus der Kellerwand des Gefängnisses, in dem die Gefangenen bei Angriffen Schutz suchten. So ein Ziegel wurde bereits im Hattinger Dom verwendet und der dortige Pfarrer Behring besaß noch Reste eines Steins. Daraus schnitt ein Steinmetz kleine quadratische Stückchen.

Der Künstlerin gelang es, die Ziegelstückchen als Sekundär-Reliquie in die Mitte eines nach mittelalterlicher Technik mit 24-karätigem Blattgold vergoldeten Kreuzes auf der Vorderseite des Gewandes so einzuarbeiten, dass sie nicht als Fremdkörper wirken, sondern als gestalterische Komponente.

 

Das Gewand fertigte sie aus edler handgewebter Wildseide mit einem Rosenholzschimmer, die sie mit rotem China-Crepé-Satin unterfütterte. Für die schwarzen Streifen, die an den Tod und die Trauer im Tod erinnern sollen und auf die Vorder- und Rückseite über das Gewand genäht wurden, verwendete sie Wollwalk, ein ganz besonderes Material. Darauf setzte die Textilkünstlerin aus Seidenstoff in aufwändiger Handarbeit gezogene Seidenstränge in sieben verschiedenen Rot-Tönen, deren Linienführung man als Feuer interpretieren kann. Von diesen roten Feuerzungen hebt sich das aus 24-karätigem Blattgold gefertigte Kreuz mit der Sekundär-Reliquie im Zentrum ab.

Altbischof Luthe empfahl ihr den Spruch des heiligen Augustinus: „victor quia victima“ (Sieger, weil Opfer), mit dem Skudelny die Rückseite des Gewandes verzierte.

Auftrag etwas
ganz Besonderes

Er bezieht sich auf die Söldner, die sich weigerten, ihren Kaiser als Gott anzuerkennen und geopfert wurden. „Dieser Satz trifft auf Nikolaus Groß zu und gefiel auch Monsignore von Schwartzenberg“, so die Herscheider Künstlerin.

„Dieser Auftrag war für mich von Anfang an etwas ganz Besonders, kein normaler Auftrag“, betont Skudelny. Fast zwei Jahre hat sie an dem Messgewand gearbeitet. „In der Kalkulation waren ursprünglich 300 Stunden vorgesehen.“ Es wurden Hunderte mehr. Aber das zählt nicht, sondern: „Ich kann es jetzt abgeben. Ich bin mit meiner Arbeit zufrieden.“